Der Courier des Czaar by Jules Verne

Der Courier des Czaar

byJules Verne

Kobo ebook | November 17, 2015 | German

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„Sire, eine neue Depesche.

— Von woher?

— Aus Tomsk.

— Ueber diese Stadt hinaus ist die Leitung unterbrochen?

— Sie ist seit gestern gestört.

— General, Sie werden von Stunde zu Stunde ein Telegramm von Tomsk
einfordern und mich auf dem Laufenden erhalten.

— Zu Ew. Majestät Befehl“, antwortete der General Kissoff.

Diese Worte wurden gegen zwei Uhr Morgens gewechselt, als ein im Neuen
Palais abgehaltenes Fest eben in höchstem Glanze strahlte.

Die Capellen der Regimenter von Preobrajensky und von Paulowsky spielten
zu dieser Soirée die gewähltesten Nummern ihres Repertoires, Polkas,
Mazurkas, Schottische und Walzer, ununterbrochen auf. Immer neue Paare von
Tänzern und Tänzerinnen rauschten durch die prächtigen Salons dieses
Palastes, der sich nur wenige Schritte entfernt von dem „alten Hause aus
Stein“ erhebt, in welch’ letzterem sich so viele furchtbare Dramen
abgespielt haben und das jetzt nur die flüchtigen Melodien der Quadrillen
wiederhallte.

Der Oberhofmarschall fand bei Erfüllung seiner delicaten Pflichten sehr
beachtenswerthe Unterstützung. Die Großfürsten selbst, deren Adjutanten,
die Kammerherren vom Dienst und die Hausofficiere des Palastes unterzogen
sich des Arrangements der Tänze. Die von Diamanten strahlenden
Großfürstinnen und die Hofdamen in gewähltester Galatoilette gingen den
Frauen und Töchtern der höchsten Militär- und Civilbeamten mit
aufmunterndem Beispiele voran. Als das Signal zur Polonaise ertönte, als
die Eingeladenen jedes Ranges herbeieilten zu dieser rhythmischen
Promenade, welche bei derartigen Festlichkeiten die volle Bedeutung eines
Nationaltanzes erlangt, da bot das Gemisch der langen, spitzenüberwebten
Roben und der an Ordensschmuck so reichen Uniformen bei dem Glanze der
hundert Kronleuchter, deren Lichtmeer die ungeheuren Spiegel noch zu
verdoppeln schienen, dem Auge ein entzückendes, kaum zu beschreibendes
Bild.

Dazu lieferte der große Salon, das schönste der Gemächer im Neuen Palais,
für diese Versammlung hoher und höchster Personen und verschwenderisch
geschmückter Frauen einen entsprechend prachtvollen Rahmen. Die reiche
Decke mit ihren von der Zeit schon etwas gemilderten Vergoldungen erschien
wie besäet mit blitzenden Sternen. Der Brokat der Gardinen und der in
schweren Falten herabfallenden Portièren färbte sich mit warmen Tönen,
welche sich nur an den schärferen Kanten des kostbaren Stoffs lebhafter
heraushoben.

Durch die Scheiben der großen Rundbogenfenster drang das Licht des Innern
nur wenig geschwächt, ähnlich dem Wiederschein einer Feuersbrunst, nach
außen, und stach grell ab von dem nächtlichen Dunkel, das seit wenig
Stunden diesen glitzernden Palast umhüllte. Dieser Contrast mochte auch
die Aufmerksamkeit zweier Ballgäste erregen, welche am Tanze keinen
Antheil nahmen. In einer der Fensteröffnungen stehend, konnten sie mehrere
jetzt nur undeutlich sichtbare Glockenthürme wahrnehmen, deren riesige
Silhouetten sich am Himmel abzeichneten. Unten bewegten sich schweigend,
das Gewehr wagrecht über die Schulter gelegt, zahlreiche Wachtposten auf
und ab, und auf den Spitzen ihrer Pickelhauben blitzte es dann und wann
von dem darauf fallenden Lichte aus dem Palaste. Jene vernahmen wohl auch
den Schritt der Patrouillen auf den Steinplatten des Vorplatzes, der gewiß
taktgerechter war, als manchmal die Bewegungen der Tanzenden auf dem
Parket des Festsaales. Dann und wann hörte man den Zuruf der Schildwachen
von Posten zu Posten und manchmal mischte sich ein hellschmetterndes
Trompetensignal harmonisch mit den Accorden des Orchesters.

Noch weiter unten erschienen dunkle Massen in den ungeheuren von den
Fenstern des Neuen Palais ausgeströmten Lichtkegeln. Das waren Schiffe,
die auf dem Strome herabglitten, dessen Wellen, überstrahlt von den
grellen Lichtbündeln mehrerer kleiner Leuchtfeuer, den Fuß der Terrassen
des Palastes bespülten.

Die Hauptperson des Balles, der Festgeber des heutigen Abends, dem
gegenüber General Kissoff jene nur den Souveränen zukommende Anrede
benutzte, erschien einfach in der Uniform eines Officiers der Gardejäger.
Seinerseits lag hierin keine Affectation, sondern die Gewohnheit eines
Mannes, der für äußeren Pomp wenig empfindlich ist. Seine Erscheinung
contrastirte demnach mit den prachtvollen Costümen, die sich um ihn
drängten, und ebenso zeigte er sich auch gewöhnlich inmitten seiner
Escorte von Georgiern, Kosaken und Lesghiern, jener prächtigen
Reiterleibwache in den brillanten Uniformen des Kaukasus.

Jener hochgewachsene Mann mit freundlichem Gesicht, ruhiger Physiognomie,
aber bisweilen sorgenvoller Stirn, ging leutselig von einer Gruppe zur
andern, sprach aber wenig und schien selbst weder den heitern Gesprächen
der jüngern Welt eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken, noch den
ernsteren Worten seiner höchsten Staatsbeamten oder der Mitglieder des
diplomatischen Corps, welche die Hauptstaaten Europas an seinem Hofe
vertraten. Zwei oder drei dieser scharfsichtigen Politiker – geborene
Physiognomiker, – glaubten auf dem Antlitz ihres hohen Wirths einige
Zeichen von Unruhe bemerkt zu haben, deren Ursache ihnen zwar unerklärlich
blieb, aber ohne daß Einer derselben sich erlaubt hätte, eingehender
danach zu forschen. Auf jeden Fall lag es, daran war gar nicht zu
zweifeln, in der Absicht des Officiers der Gardejäger, durch seine
Geheimnisse die Festesfreude in keiner Weise zu beeinträchtigen, und da er
einer der seltenen Fürsten war, dem fast eine ganze Welt, sogar im
Gedanken, zu gehorchen sich gewöhnt hatte, so wurden auch die Vergnügungen
des Balles nicht einen Augenblick unterbrochen.

Indessen wartete General Kissoff von dem Officier, dem er das Telegramm
aus Tomsk überreicht hatte, auf die Erlaubniß sich zurückziehen zu dürfen;
aber jener verharrte in Schweigen. Er hatte das Blatt angenommen,
durchlesen und mehr und mehr Wolken lagerten sich auf seine Stirn.
Unwillkürlich faßte seine Hand nach dem Degengriff und erhob er diese
wieder bis an die Augen, welche er einen Augenblick bedeckte. Es schien,
als blende ihn der Schein der tausend Flammen und als suche er etwas
Schatten, um besser in sein Inneres blicken zu können.

„Wir sind also, begann er wieder, nachdem er den General Kissoff in eine
Fensternische geführt, seit gestern ohne alle Verbindung mit dem
Großfürsten?

— Ohne Verbindung, Sire, und es steht zu befürchten, daß die Depeschen
bald nicht einmal die Grenze Sibiriens mehr überschreiten können.

— Aber die Truppen des Amurgebietes, sowie die von Transbaikalien haben
die Ordre empfangen, sofort nach Irkutsk aufzubrechen?

— Diesen Befehl enthielt das letzte Telegramm, welches über den Baikalsee
hinaus zu senden möglich war.

— Doch mit den Gouvernements Jeniseisk, Omsk, Semipalatinsk und Tobolsk
stehen wir seit Beginn des Einfalls stets in directer Communication?

— Gewiß, Sire, dahin gelangen unsere Depeschen und wir sind sicher, daß
die Tartaren zur Stunde den Irtysch und Obi noch nicht überschritten
haben.

— Und von dem Verräther Iwan Ogareff hat man noch keine weitere Kunde?

— Nein, antwortete General Kissoff; der Polizeichef vermag nicht zu sagen,
ob jener die Grenze überschritten hat oder nicht.

— Sein Signalement werde sofort nach Nishny-Nowgorod, Perm, Jekaterinburg,
Kassimow, Tiumen, Ichim, Omsk, Elamsk, Kolywan, Tomsk und überhaupt nach
allen Stationen gesandt, mit denen wir noch in telegraphischem Verkehr
stehen.

— Ew. Majestät Befehle werden unverzüglich ausgeführt werden, erwiderte
der General.

— Kein Wort über alles Dieses!“

Nach einem stummen Zeichen ehrfurchtsvoller Ergebenheit verneigte sich der
General, mischte sich erst unbefangen unter die Gäste, verließ aber bald
die Salons, ohne daß sein Verschwinden irgend welches Aufsehen erregte.

Der Officier blieb träumerisch noch kurze Zeit stehen, und als er sich den
verschiedenen Gruppen von Diplomaten und Militärs wieder näherte, hatte
sein Gesicht die einen Augenblick verlorene Ruhe vollständig
wiedergefunden.

Die sehr ernste Ursache jener schnell gewechselten Worte war aber
keineswegs so unbekannt, als der Gardejägerofficier und der General
Kissoff glauben mochten. Man sprach zwar nicht officiell davon, ja nicht
einmal officiös, da die Zungen jetzt noch nicht gelöst waren, aber
verschiedene hochgestellte Personen hatten doch mehr oder weniger genaue
Berichte erhalten über die Vorgänge jenseit der Grenze.

Was man nur so vom Hörensagen wußte, davon unterhielt man sich nicht,
nicht einmal die Mitglieder der Diplomatie unter einander; zwei
Eingeladene aber, welche weder eine Uniform, noch sonst welche
Auszeichnung als berechtigt zu dieser Festlichkeit kennzeichnete, sprachen
mit gedämpfter Stimme über diese Angelegenheit und schienen sehr genaue
Informationen zu besitzen.

Auf welchem Wege, durch welches Zwischenmittel wußten aber diese beiden
einfachen Sterblichen das, was andere und selbst sehr einflußreiche
Personen kaum muthmaßten? – Niemand hätte das sagen können. Waren sie mit
einem Vorgefühl oder mit einer Voraussicht begabt? Besaßen sie noch einen
sechsten Sinn, der es ihnen ermöglichte, über den begrenzten Horizont
hinaus zu blicken, der sonst die Tragweite des Menschenauges abschließt?
Hatten sie eine besonders scharfe Witterung, um die geheimsten Neuigkeiten
auszuspüren? Sollte sich ihre Natur bei der tief eingewurzelten
Gewohnheit, von und durch die Information zu leben, gänzlich verändert
haben? Man wurde versucht, das zu glauben.

Diese beiden Männer, der eine Engländer, der andere Franzose, waren lange,
hagere Gestalten, – dieser gebräunt wie die Südländer der heißen Provence,
– jener roth, wie ein Gentleman aus Lancashire. Der abgemessene, kalte,
phlegmatische, mit Bewegungen und Worten haushälterische Anglo-Normanne
schien nur bei der Auslösung einer Feder zu reden und zu gesticuliren, die
von Zeit zu Zeit in ihm wirkte. Der lebhafte, fast ungestüme Gallo-Romane
dagegen sprach gleichzeitig mit Lippen, Augen und Händen, und schien seine
Gedanken auf zwanzigerlei Art mitzutheilen, während seinem Partner nur
eine zu Gebote stand, welche stereotypisch in seinem Hirn fest saß.

Diese physischen Unterschiede hätten des oberflächlichen Beobachters
Urtheil gewiß leicht irre führen können; der Physiognomiker aber, der
diese beiden Persönlichkeiten aus der Nähe beobachtete, hätte den
physiologischen Contrast, der sie charakterisirte, gewiß in die Worte
zusammen gefaßt, daß der Franzose „ganz Auge“ und der Engländer „ganz Ohr“
sei.

In der That hatte sich der Gesichtssinn des Einen durch den Gebrauch ganz
außerordentlich geschärft. Seine Netzhaut besaß dieselbe
Augenblicksempfindlichkeit, wie die der geübten Taschenspieler, welche
eine Karte schon beim schnellen Mischen oder an einem so unscheinbaren
Zeichen erkennen, daß es jedem Anderen zweifellos entgeht. Dieser Franzose
besaß also in höchstem Grade das, was man so bezeichnend „das Gedächtniß
des Auges“ nennt.

Der Engländer im Gegentheil schien ganz speciell organisirt, nur zu hören
und in sich aufzunehmen. Traf seinen Gehörapparat der Ton einer Stimme nur
ein einzig Mal, so vergaß er diesen niemals mehr und hätte diese Stimme
nach zehn, nach zwanzig Jahren unter tausend anderen wieder herausgehört.
Seine Ohren besaßen zwar sicherlich nicht das Vermögen, sich so zu
bewegen, wie die der Thiere, welche mit sehr entwickelten Ohrmuskeln
versehen sind; da die Gelehrten aber außer Zweifel gesetzt haben, daß die
äußeren Ohren des Menschen nur „nahezu“ unbeweglich sind, so wäre man
anzunehmen berechtigt gewesen, daß die des genannten Engländers sich
mußten strecken, verschieben und winden können, um die Schallwellen unter
den günstigsten Verhältnissen aufzunehmen, so daß einem Sachverständigen
ihre Bewegungen wohl nicht entgangen wären.

Es sei gleich hierbei bemerkt, daß diese Vervollkommnung des Gesichts und
Gehörs den beiden Männern bei ihrer Beschäftigung sehr zu Statten kam,
denn der Engländer war ein Correspondent des Daily-Telegraph, der Franzose
Correspondent des ... ja, welches oder welcher Journale, das sagte er
nicht, und wenn man ihn darum fragte, so antwortete er scherzend, er
correspondire mit „seiner Cousine Madelaine“. Im Grunde war dieser
Franzose trotz seines legèren Auftretens ein sehr scharfer Beobachter, und
wenn er so in den Tag hinein plauderte, vielleicht um seine eigentliche
Absicht desto mehr zu verdecken, so gab er sich doch niemals eine Blöße.
Gerade seine Redseligkeit diente ihm dazu, zu schweigen, und
wahrscheinlich war er eigentlich verschlossener und discreter, als sein
College vom Daily-Telegraph.

Title:Der Courier des CzaarFormat:Kobo ebookPublished:November 17, 2015Publisher:Consumer Oriented Ebooks PublisherLanguage:German

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ISBN:9990051229974

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