Der Findling (komplett) by Jules Verne

Der Findling (komplett)

byJules Verne

Kobo ebook | November 17, 2015 | German

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about

Irland, das eine Landfläche von zwanzig Millionen Acres -- gegen
acht Millionen Hektar -- einnimmt, wird im Namen der Beherrscher
Großbritanniens von einem Vicekönig oder Lord-Lieutenant unter
Mitwirkung eines »Privat-Rathes« regiert. Es zerfällt in vier Provinzen:
Leicester im Osten, Munster im Süden, Connaught im Westen und Ulster im
Norden.

Das Vereinigte Königreich soll in der Vorzeit eine einzige Insel
gebildet haben. Jetzt sind deren zwei vorhanden, beide noch mehr
getrennt durch geistige Verschiedenheit, als durch physikalische
Grenzen. Die Irländer sind wie von jeher Freunde der Franzosen, und
deshalb den Engländern feindlich gesinnt.

Ein herrliches Land für Touristen, ist Irland ein trauriges Land für
seine Bevölkerung. Diese vermag es nicht zu befruchten, jenes sie nicht
zu ernähren. Und doch ist es nicht ein unfruchtbares Stück Erde, denn
seine Kinder zählen nach Millionen, und obwohl diese Mutter keine Milch
für ihre Kinder hat, wird sie von ihnen doch leidenschaftlich geliebt.
Die süßesten -- =most sweet= -- Namen (ein Wort, das man dort unendlich
häufig hört) werden an sie verschwendet. Das »Grüne Erin«, und grün
ist das Land in der That; weiter heißt Irland der »Schöne Smaragd«, ein
Smaragd, der freilich statt des Goldes in Granit gefaßt ist; die »Insel
der Wälder«, was besser Insel der Felsen heißen sollte; das »Land des
Liedes«, nur erklingt dieses Lied von kränklichen Lippen; endlich nennt
man es die »Erste Blume des Landes« oder die »Erste Blume des Meeres«,
freilich welken diese Blumen schnell im Brausen toller Stürme. Armes
Irland! »Insel des Elends« solltest du heißen; jetzt und schon seit
Jahrhunderten, du mit deinen drei Millionen Armen unter acht Millionen
Bewohnern!

Bei einer Erhebung von etwa hundertfünfundzwanzig Metern trennen in
Irland zwei Höhenzüge die Ebenen, Seen und Torfmoore zwischen der Bai
von Dublin und der von Galway. Die Insel bildet eine vertiefte Schale,
in der es an Wasser nicht fehlt, denn die Seen des Grünen Erin bedecken
allein gegen zweitausenddreihundert Quadratkilometer.

Westport, eine kleine Stadt der Provinz Connaught, liegt im Hintergrunde
der Bai von Clew, die von dreihundertfünfundsechzig Inseln und Eilanden
erfüllt wird, ähnlich wie der Morbihan an den Küsten der Bretagne.
Diese Bai mit ihren Vorbergen, ihren Caps und den gleich Haifischzähnen
angeordneten Spitzen, welche den Wogenschwall von der hohen See brechen,
ist eine der schönsten des ganzen Küstenstriches.

In Westport begegnen wir dem »Findling« im Beginn seiner Geschichte; der
Leser wird selbst sehen, wo, wann und wie sie endigte.

Die Einwohner des etwa fünftausend Seelen zählenden Städtchens sind zum
größten Theile Katholiken. An einem Sonntage, dem 17. Juni 1875, hatten
sich die meisten Bewohner zum Morgengottesdienste in die Kirche
begeben. Connaught, die Wiege der Familie Mac Mahon's, bringt ausgeprägt
keltische Typen hervor, die sich in den alteingesessenen Geschlechtern
fortgepflanzt haben. Und doch, wie traurig ist das Land, so traurig,
daß es den gebräuchlichen Ausdruck: »Nach Connaught gehen, heißt in die
Hölle gehen!« vollständig rechtfertigt.

In den kleinen Orten Irlands herrscht bittere Armuth, doch besitzen die
Leute neben ihren für die Werktage benützten Lumpen auch noch solche
für die Sonn- und Festtage. Dann trägt man dort die noch am wenigsten
zerrissene Kleidung: die Männer erscheinen in geflicktem, unten
ausgefranstem Mantel; die Frauen in mehrfach übereinander liegenden
Röcken -- lauter Ladenhütern des Trödlers -- und bedecken den Kopf mit
Hüten, die mit künstlichen Blumen verziert sind, von welchen freilich
meist nicht mehr als die nackten Drahtstiele mit einzelnen Blättchen zu
sehen ist.

Alle sind barfüßig bis zur Kirche gegangen zur Schonung des theuern
Schuhwerkes -- der Halbstiefeln mit geborstenen Sohlen und der Stiefeln
mit zerrissenem Oberleder, ohne die nach Landessitte niemand die
Schwelle der Kirche überschreiten würde.

Zur Zeit war kein Mensch auf den Straßen von Westport sichtbar, außer
einem Individuum, das einen Karren schob, der mit einem großen mageren,
langzottigen Hunde bespannt war.

»Königspuppen! rief der Mann aus vollem Halse, prächtige, bewegliche
Königspuppen!«

Der Schausteller war von Castlebar, dem Hauptorte der Grafschaft Mayo,
hierhergekommen. Auf seinem Wege nach Westen hatte er den Kamm jener
Höhenzüge überschritten, die sich, wie die meisten Berge Irlands,
nach der Küste zu senken, so im Norden die Kette des Nephin mit
ihrem achthundertdreißig Meter hohen Gipfelpunkte, und im Süden der
Croagh-Patrick, auf dem der größte irländische Heilige, der Verbreiter
des Christenthums im vierten Jahrhundert, die vierzig Tage der
Fastenzeit verweilte. Hierauf war der Mann die gefährlichen Schluchten
des Hochlandes von Connemara hinabgestiegen in der Richtung nach den
Seen Mask und Corril, die einen Ausfluß nach der Clew-Bai haben. Ihn
kümmerte keinen Pfifferling weder die Midland-Great-Westernbahn, das
große Verbindungsglied zwischen Westport und Dublin, noch die Post,
die ihre »Cars« durch das Land rollen läßt. Er reiste als fahrender
Künstler, der überall seine Puppenausstellung ausrief und anpries
und den großen Hund von Zeit zu Zeit mit einem derben Peitschenhiebe
aufmunterte. Der von kräftiger Hand erlittenen Züchtigung antwortete
dann stets ein lautes Schmerzgeheul und aus dem Innern des Karrens
zuweilen ein leises Schluchzen.

Dann wetterte der Mann gewöhnlich los.

»Wirst Du laufen lernen, Hundevieh!« rief er, und dann, als wendete
er sich an einen andern, der im Karren verborgen sein mußte, klang es
weiter: »Wirst Du still sein, Hundejunge!«

Darauf verstummte das Schluchzen und der Karren kam wieder langsam in
Bewegung.

Dieser Mann nennt sich Thornpipe. Woher er stammt, ist gleichgiltig; es
genügt zu wissen, daß er zu den Angelsachsen gehört, die in den unteren
Volksschichten der britannischen Inseln so ungemein häufig vorkommen.
Dieser Thornpipe besitzt nicht mehr Gefühl als ein wildes Thier, nicht
mehr Herz als ein Felsblock.

Nachdem der Mann die ersten Wohnstätten von Westport erreicht hatte,
folgte er der Hauptstraße des Städtchens mit ihren ziemlich wohnlichen
Häusern und den mit pomphaften Schildern versehenen Läden, worin
freilich nicht viel zu finden ist. In diese Straße münden verschiedene
schmutzige Nebengassen ein, wie trübe Bäche, die sich in einen klaren
Fluß ergießen. Auf deren spitzen Pflastersteinen poltert und rasselt
Thornpipe's Karren dahin, gewiß zum Nachtheil der Puppen, die er zur
ergötzlichen Unterhaltung der Bewohner von Connaught hierher brachte.

Wegen Mangels an »geeignetem Publicum« trottete Thornpipe weiter, bis er
zur Mail (Alleestraße) gelangte, die die Hauptstraße zwischen doppelter
Ulmenreihe kreuzt. Jenseits der Mail dehnt sich ein geräumiger Park
aus, dessen sorgsam unterhaltene Sandwege nach dem an der Bai von Clew
liegenden Hafen führen.

Selbstverständlich gehören Stadt, Hafen, Park, Straßen, Fluß, Brücken,
Kirchen, Häuser und Hütten einem jener reichen Landlords, die fast den
ganzen Boden Irlands besitzen. Hier waren sie das Eigenthum des Marquis
von Sligo, eines Mannes von reinem, altem Adel, und übrigens beiweitem
nicht des schlechtesten Herrn für seine zahlreichen Pächter.

Alle zwanzig Schritte etwa hielt Thornpipe mit seinem Wagen an,
blickte um sich und rief mit einer Stimme, die einem mangelhaft geölten
Mechanismus zu entschallen schien:

»Königspuppen!... Prächtige, bewegliche Königspuppen!«

Doch niemand trat aus den Läden, kein Gesicht erschien an den Fenstern.
Nur da und dort tauchten aus den Nebengassen einige bewegliche Lumpen
auf und aus diesen glotzten hagere, verhungerte Gesichter hervor mit
gerötheten Augen, die so tief lagen, daß man durch sie ins Leere sehen
zu können wähnte. Weiter erschienen einzelne halbnackte Kinder, und fünf
bis sechs dieser Gassenbuben schlichen endlich an den Wagen heran, als
dieser in der großen Mail Halt machte.

»Copper!... Copper!« bettelten alle wie aus einem Munde.

Unter »Copper« ist eine winzige Kupfermünze zu verstehen, ein Theil des
Pennys, d. h. des kleinsten im Lande vorkommenden Geldstücks. Und diese
Kinder sprachen darum einen Mann an, der mehr Verlangen hatte, Almosen
anzunehmen als solche zu vertheilen. Natürlich empfing er mit drohender
Hand- und Fußbewegung und mit zornsprühenden Augen die Buben, die sich
außerhalb des Bereiches seiner Peitsche halten mußten... und noch
sorgsamer fern genug den Spitzzähnen des Hundes, der wegen gewohnter
übler Behandlung nie bei guter Laune war.

Thornpipe war schon an sich wüthend. Er schreit ja in die reine Wüste
hinaus. Niemand kümmert sich um seine königlichen Marionetten. Paddy --
d. i. der Irländer, wie John Bull der Engländer -- Paddy zeigt keine
Spur von Neugier. Er hegt nicht etwa Feindschaft gegen die erhabene
königliche Familie. O nein! Was er nicht liebt, was er haßt mit allem
durch Jahrhunderte lange Unterdrückung aufgehäuftem Hasse, das ist
nur der Landlord, der ihn als ein noch unter den Leibeigenen Rußlands
stehendes Geschöpf betrachtet. Wenn der Ire O'Connell zujubelte, so
geschah das, weil der große Patriot auf der Erhaltung der Rechte der
Grünen Insel durch die Unionsacte der drei Königreiche vom Jahre 1806
bestand, weil die Thatkraft, die Zähigkeit, die kühne Politik dieses
Staatsmannes später die Emancipations-Bill von 1829 durchsetzte und
damit, Dank seiner unerschütterlichen Haltung, Irland, das Polen
Englands, vor Allem das katholische Irland in eine Periode halber
Freiheit eintrat. Thornpipe wäre also sicherlich besser dran gewesen,
wenn er seinen Mitbürgern O'Connell vor Augen geführt hätte, doch
das war ja noch kein Grund, Ihre graziöse Majestät =in effigie= so
unbeachtet zu lassen. Freilich hätte Paddy dem Bildniß seiner
Souveränin auf hübschen Geldstücken, auf Pfunden, Kronen, Halbkronen und
Schillings, ganz entschieden den Vorzug gegeben, denn gerade dieses aus
der britannischen Münze hervorgegangene Porträt fehlt der Tasche des
Irländers am meisten.

Da kein ernstlicher Zuschauer den wiederholten Einladungen des
Kunsthausierers Folge gab, setzte sich der von dem großen, knochendürren
Hunde geschleppte Karren wieder in Bewegung.

Unter dem herrlichen Ulmenschatten der Allee der Mail zog Thornpipe
weiter. Er war allein. Die Kinder hatten ihn endlich verlassen. So
erreichte er den von Sandwegen durchschnittenen Park, den der Marquis
von Sligo dem öffentlichen Verkehr offen hielt, um einen Zugang zu dem
eine gute (englische) Meile von der Stadt entfernten Hafen zu gewähren.

»Königspuppen!... Königspuppen!«

Niemand antwortete. Mit schwachem Schrei flatterten die Vögel von einem
Baume zum andern. Der Park war ebenso verödet wie die Mail. Wie konnte
auch Jemand einfallen, Katholiken während des Gottesdienstes zu einer
solchen Schaustellung einzuladen! Thornpipe konnte unmöglich aus dem
Lande selbst sein. Nach dem Mittagessen, zwischen Messe und Vesper, da
ließ sich vielleicht eher etwas erzielen. Jedenfalls hinderte den Mann
nichts, jetzt bis zum Hafen hinunter zu wandern, und das that er denn
auch, indem er, statt im Namen des heiligen Patrick, in dem aller Teufel
Irlands weidlich fluchte.

Der Hafen, den der Seenabfluß im Grunde der Bai von Clew bildet, ist
nur wenig besucht, obwohl er an Geräumigkeit und Sicherheit alle andern
Häfen an der Westküste der Insel übertrifft. Nur vereinzelt kommen
Schiffe dahin, weil Großbritannien, d. h. England und Schottland, dem
mageren Gelände von Connaught zusenden muß, was dieses dem Erdboden
nicht selbst zu entlocken vermag. Irland ist ein Kind, das sich an
zwei Brüsten nährt; die Ammen lassen sich ihre Milch aber recht theuer
bezahlen.

Title:Der Findling (komplett)Format:Kobo ebookPublished:November 17, 2015Publisher:Consumer Oriented Ebooks PublisherLanguage:German

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