Robur der Sieger by Jules Verne

Robur der Sieger

byJules Verne

Kobo ebook | January 27, 2016 | German

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Paff! ... Paff!

Zwei Pistolenschüsse knallten zu gleicher Zeit. Eine Kuh, welche eben
in der Entfernung von fünfzig Schritten vorüber trabte, bekam eine
Kugel in's Rückgrat ... und sie ging die Sache doch gar nichts an.

Von den beiden Gegnern war keiner getroffen worden.

Wer waren jene beide Herren? Niemand weiß es, und gerade hier wäre ja
Gelegenheit gewesen, ihre Namen der Nachwelt zu überliefern. Es läßt
sich über sie nichts weiter sagen, als daß der ältere ein Engländer,
der jüngere Duellant ein Amerikaner war. Desto leichter läßt sich die
Oertlichkeit bestimmen, an der jener unschuldige Wiederkäuer eben sein
letztes Grasbündelchen abgeweidet hatte; diese ist nämlich am rechten
Ufer des Niagara und unweit der Hängebrücke zu suchen, welche drei
Meilen unterhalb der berühmten Fälle das canadische Ufer mit dem
amerikanischen verbindet.

Der Engländer schritt jetzt auf den Amerikaner zu.

"Ich bleibe nichtsdestoweniger dabei, daß es die Melodie »Rule
Britannia« war, sagte er.

-- Nein, der »Yankee Doodle«!" versetzte der Andere.

Der Streit schien auf's Neue entbrennen zu sollen, als sich einer der
Zeugen -- ohne Zweifel im Interesse des weidenden Viehs -- mit den
Worten einmischte:

"Nehmen wir an, es wäre der »Rule Doodle« und der »Yankee Britannia«
gewesen und begeben wir uns nun zum Frühstück."

Dieses Compromiß zwischen den beiden Nationalgesängen Amerikas und
Großbritanniens wurde zur allgemeinen Befriedigung angenommen. Längs
des linken Niagara-Ufers zurückwandelnd, beeilten sich Amerikaner und
Engländer, an der einladenden Tafel des Hôtels auf Goat Island -- einem
neutralen Gebiete zwischen den beiden Fällen -- Platz zu nehmen.
Während ihrer Beschäftigung mit gekochten Eiern und dem landesüblichen
Schinken mit kaltem Roastbeef, einem Zwischengericht von im Munde fast
brennenden Pickles und mit Hochfluthen von Thee, welche die
weltbekannten Wasserfälle eifersüchtig machen könnten, wollen wir sie
nicht weiter stören, zumal kaum anzunehmen ist, daß von ihnen im Laufe
dieser Erzählung noch ferner die Rede sein wird.

Wer hatte nun Recht -- der Engländer oder der Amerikaner? Es wäre
schwer gewesen, diese Frage zu entscheiden. Jedenfalls liefert jenes
Duell den Beweis für die leidenschaftliche Erregung der Geister nicht
allein in der Neuen, sondern auch in der Alten Welt, und zwar über ein
Ereigniß oder eine unerklärliche Erscheinung, welche seit etwa einem
Monate alle Köpfe verwirrte.

»... Os sublime dedit coelumque tueri«
hat Ovid einst zu Ehren der Menschheit gesungen. In der That hatte man
seit dem Erscheinen des ersten Menschen auf der Erdkugel noch niemals
den Himmel so vielfach betrachtet.

Gerade in der vorhergegangenen Nacht hatte nämlich eine Trompete aus
der Luft ihre metallenen Töne herabgeschmettert über denjenigen Theil
von Canada, der sich zwischen dem Ontario- und dem Erie-See ausdehnt.
Die Einen hatten daraus den »Yankee Doodle«, die Anderen das »Rule
Britannia« zu hören vermeint, daraus entstand auch obiger
angelsächsische Zweikampf, der mit dem Frühstück auf Goat Island
endigte. Vielleicht war es weder der eine, noch der andere
Nationalgesang gewesen; nur darüber herrschte bei Niemand ein Zweifel,
daß die betreffenden Töne die Eigenthümlichkeit gehabt hatten, als
schienen sie vom Himmel zur Erde hernieder zu steigen.

Sollte man etwa gar an eine Himmelsposaune denken, die ein Engel oder
ein Erzengel geblasen hätte? ... Waren es nicht vielmehr lustige
Luftschiffer gewesen, die sich des sonoren Instrumentes bedienten, von
dem die Reclame so ausgebreiteten Gebrauch macht? Nein, von einem
Ballon, von Luftschiffern konnte nicht die Rede sein. In hohen
Himmelsregionen vollzog sich ein außergewöhnliches Ereigniß, dessen
Natur und Ursprung kein Mensch zu enträthseln vermochte. Heute zeigte
sich dasselbe über Amerika, vierundzwanzig Stunden später über Europa,
acht Tage später in Asien über dem Himmlischen Reiche. Wenn die
Trompete, welche das Vorüberziehen jener Erscheinung ankündigte, nicht
die des Jüngsten Gerichtes war, welche, ja, welche war es dann?

In allen Landen der Erde, in Königreichen wie in Republiken, entstand
deshalb eine gewisse Unruhe, welche gestillt werden mußte. Vernimmt
Einer in seinem Hause eigenthümliche und unerklärliche Geräusche, würde
er nicht schnellstens die Ursache derselben zu ermitteln suchen, und
wenn das vergeblich wäre, würde er nicht sein Haus verlassen, um ein
anderes zu bewohnen? Ganz sicherlich! Hier war das Haus freilich die
Erdkugel, und es gab doch kein Mittel, diese zu verlassen und etwa mit
dem Monde, Mars, Venus, Jupiter oder einem anderen Planeten des
Sonnensystems zu vertauschen.

Es galt demnach unbedingt, aufzuklären, was im unendlichen leeren
Raume, doch innerhalb der Erdatmosphäre, vorging. Ohne Luft ist ja ein
Geräusch unmöglich, und da man hier ein solches vernahm -- immer jene
fast sagenhafte Trompete -- mußte die Erscheinung auch in der Lufthülle
stattfinden, deren Dichtigkeit sich nach oben zu immer mehr vermindert
und die sich über unserem Sphäroid nur wenige Meilen hoch verbreitet.

Natürlich bemächtigten sich die Tagesblätter der vorliegenden Frage,
behandelten sie unter allen Gesichtspunkten, beleuchteten oder
verdunkelten dieselbe, berichteten falsche oder wahre Thatsachen,
erregten oder beruhigten ihre Leser im Interesse der Höhe ihrer Auflage
-- und wiegelten endlich die schon halb verwirrten Massen nicht wenig
auf. Welch' Wunder! Die Politik hatte den Laufpaß erhalten und die
Geschäfte gingen deshalb doch nicht schlecht. Aber um was handelte es
sich überhaupt?

Man befragte alle großen Observatorien der ganzen Welt. Wenn diese
keine Antwort gaben, wozu nützten dann solche Observatorien eigentlich?
Wenn die Astronomen, welche selbst in der Entfernung von hunderttausend
Millionen Meilen noch einen Lichtpunkt zu zwei und drei Sternen
aufzulösen vermögen, nicht im Stande waren, den Ursprung einer
kosmischen Erscheinung zu ergründen, die nur wenige Kilometer über
ihnen auftrat, wozu hatte man Astronomen?

Man konnte auch in der That kaum schätzungsweise angeben, wie viel
Teleskope, Brillen, Fernröhre, Lorgnetten, Binocles und Monocles
während der schönen Sommernacht nach dem Himmel gerichtet waren, noch
wie viele Augen sich vor die Oculare und Instrumente von jeder Art und
Vergrößerung hefteten. Vielleicht mehrere Hunderttausend, und das ist
nur gering angeschlagen. Zehnmal mehr, als man am Firmament mit
unbewaffnetem Auge sichtbare Sterne zählt. Nein, noch keiner, auf allen
Punkten der Erdkugel gleichzeitig beobachteten Sonnenfinsterniß hatte
man solche Ehre angethan!

Die Observatorien antworteten, aber unzulänglich. Jedes gab seine
Meinung ab, die stets von der aller anderen abwich, so daß sich daraus
während der letzten Wochen des April und der ersten des Mai ein
wirklicher Bürgerkrieg unter der Gelehrtenwelt entwickelte.

Das Observatorium von Paris erwies sich sehr zurückhaltend. Keine
seiner Abtheilungen sprach sich entschieden aus. In der Abtheilung für
mathematische Astronomie hatte man es für unter seiner Würde gehalten,
Beobachtungen anzustellen; in der für die Meridianmessung hatte man
nichts entdeckt; in der für physikalische Beobachtungen hatte man
nichts wahrgenommen; in der für Geodäsie nichts bemerkt; in der für
Meteorologie war Niemand etwas aufgefallen; in der für die Berechnungen
hatte man nichts gesehen. Das war wenigstens ein offenes Geständniß.
Dieselbe Offenherzigkeit bekundete das Observatorium von Montsoucis,
wie die magnetische Station im Park Saint-Maur. Dieselbe Achtung vor
der Wahrheit bewies das Längenbureau. Nun ja, Frankreich heißt ja das
Land, wo man "frank", d. h. offen spricht.

Title:Robur der SiegerFormat:Kobo ebookPublished:January 27, 2016Publisher:Consumer Oriented Ebooks PublisherLanguage:German

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